Das Gesundheits- und Begegnungszentrum „CheckPoint untenrum“ in Hannover
Bis Anfang der 2000er Jahre gab es in Hannover das Home-Zentrum, in dem die Aidshilfe und das damalige schwul-lesbische Zentrum gemeinsam untergebracht waren. Die beiden Einrichtungen arbeiteten eng zusammen: Veranstaltungen der Aidshilfe fanden im Home-Zentrum statt, während Beratungen und Verwaltung in den Räumen der Aidshilfe darüber organisiert wurden. Diese enge Verbindung endete jedoch, als die Aidshilfe eigene Räumlichkeiten in einem Bürohaus bezog. Parallel dazu wurde das schwul-lesbische Jugendzentrum „KnackPunkt“ gegründet, das bis 2010 bestand. Nach dessen Schließung entstand 2011 auf Initiative der Aidshilfe Niedersachsen das „Andersraum“ als neues queeres Zentrum. 2019 folgte das queere Jugendzentrum „Queerunity“.
Trotz der Gründung neuer Einrichtungen konnte die frühere enge Zusammenarbeit zwischen Aidshilfe und queerem Zentrum nicht wiederhergestellt werden. Es gibt zwar weiterhin eine gute und freundschaftliche Kooperation, doch die Ausrichtungen der beiden Organisationen unterscheiden sich deutlich: Der „Andersraum“ fokussiert sich auf FLINTA-Personen und Queers, während die Hannöversche Aidshilfe e.V. sich auf MSM* und andere besonders für HIV anfällige Zielgruppen konzentriert.
Projekt „großkariert“ und die Veränderungen der Aidshilfe
Ab 2014 initiierte die Region Hannover, unterstützt von der Aidshilfe Niedersachsen, das Projekt „großkariert“. Ziel war es, AIDS-Beratungsstellen und Angebote für queere Menschen wieder an einem zentralen Ort zusammenzuführen. Trotz intensiver Konzeptarbeit scheiterte das Projekt nach vier Jahren an unterschiedlichen Interessen der beteiligten Vereine und Zielgruppen sowie am Erfolgsdruck. Dennoch entstanden dabei zukunftsweisende Ideen, die zunächst nicht umgesetzt wurden.
Zeitgleich begann die Hannöversche Aidshilfe e.V., das Label „CheckPoint Hannover“ zu etablieren, da der Begriff „AIDS-Hilfe“ zunehmend als belastet empfunden wurde. Dank moderner Therapien leben Menschen mit HIV heute oft ohne größere Einschränkungen. Der direkte Hilfebedarf aufgrund einer HIV-Infektion ist zurückgegangen, während Unterstützung bei Themen wie Migration, Substanzkonsum und HIV-bedingter Stigmatisierung weiterhin wichtig bleibt. Auch die Selbsthilfegruppen für Menschen mit HIV wurden weniger nachgefragt, und die Aidshilfe richtete ihren Fokus zunehmend auf Prävention und sexuelle Gesundheit. Seit 2014 bietet die Hannöversche Aidshilfe ein erfolgreiches Testangebot an, das unter dem Label „CheckPoint Hannover“ bekannt ist.
Neuer Standort und Konzeptentwicklung
Die bisherigen Räumlichkeiten der Aidshilfe im Bürohaus boten zwar einen diskreten Zugang, waren jedoch nicht ideal für Workshops oder offene Angebote. Auch die Verbindung zur queeren Szene Hannovers hatte gelitten. Der Wunsch nach einem neuen Konzept und Ort wuchs, und die während des „großkariert“-Prozesses entwickelten Ideen wurden wieder aufgegriffen. Die Corona-Krise bot Zeit für intensive Konzeptarbeit, und schließlich entstand die Idee eines Gesundheits- und Begegnungszentrums. Vorbilder waren das ehemalige Home-Zentrum in Hannover und das „sub“ in München.
Die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten gestaltete sich schwierig, da soziale Organisationen auf dem kommerziellen Immobilienmarkt oft benachteiligt sind. Im Sommer 2023 fand die Aidshilfe schließlich ein passendes Gebäude in der Weißekreuzstraße 20. Jeden Montag und jeden Freitag fand sich von August bis Dezember 2023 eine Truppe von Renovierungswilligen, die den gelben Shisha-Dunst der Vormieter von Wänden und Böden schrubbten, Keller und das Lager entrümpelten und unzählige Touren zur Müllkippe fuhren. Es hat großen Spaß gemacht und die abendliche Pizza vom Lieferdienst um die Ecke schmeckte umso köstlicher, nach getaner Arbeit. Zwischendurch ging die Konzeptarbeit unter Einbindung von Haupt- und Ehrenamtlichen und interessierten anderen Gruppen weiter. Ein vieldiskutiertes Gestaltungskonzept wurde nach Vorschlägen unseres Hausdesigners Benni beschlossen: „Rabbit hole“ (erdige, warme Töne, viel Grünes) setzte sich durch gegen „Glam Dungeon“ (die bestehende schwarz-goldene Deko der Vormieter aufgreifend) und „CheckPoint“ (eher unserem Checkpoint-Design folgend: neutral hell medizinisch). Am Ende entschlossenen wir uns, viele der bestehenden Deko-Elemente zu übernehmen. Nur Mr. Trump, der im hinteren Gruppenbereich an die Wand gemalt, Cocktails mit Ms. Marylin schlürfte, übermalten wir. Es wird jedoch gemunkelt, dass er bei Vollmond immer noch durchscheint…
Der CheckPoint Hannover
Heute, Ende 2025 können wir sagen: Es funktioniert! Die neuen Räume haben einen beeindruckend belebenden Effekt auf alle Angebote: Seit dem Umzug hat sich der CheckPoint Hannover zu einem lebendigen Gesundheits- und Begegnungszentrum entwickelt. Jeden Freitag sowie jeden 1. und 3. Mittwoch im Monat finden „Offene Abende“ statt, die besonders von MSM* und queeren Menschen genutzt werden. Themenabende wie „Fetisch Social“ oder „Bears`n Fans“ sowie Veranstaltungen zu Halloween, Weihnachten und Silvester erfreuen sich großer Beliebtheit. Die gemütliche Atmosphäre im CheckPoint untenrum lädt zur Kommunikation ein, alle Tresenkräfte arbeiten zudem ehrenamtlich. Tatsächlich hatten wir von Anfang an kaum Probleme, die Thekenschichten zu belegen. Offenbar träumten viele unserer Ehrenamtlichen und Freund*innen schon lange davon, mal Barschlampe zu sein. Tatsächlich konnten wir über die Thekenschichten viele neue Ehrenamtliche gewinnen, von denen einige sich auf andere ehrenamtliche Tätigkeitsbereiche ausweiten.
Jeder Offene Abend wird von eine*r Mitarbeiter*in mit Beratungsausbildung begleitet, der/die Abendleitung übernimmt, die Gäste begrüßt, von 19 bis 22 Uhr als Abendberatung für kurze Gespräche bereitsteht und z.B. einen Testtermin vergibt. An den Wänden und am Eingang hängen zusätzlich Infodisplays zu unseren Angeboten und es liegen vielerlei Informationsmaterialien bereit.
Darüberhinaus bietet der CheckPoint Hannover ein breites Angebot: montags findet das Testangebot statt, bei dem der Cafébereich als Wartezimmer dient. Der hintere Gruppenraum („hintenrum“) wird von verschiedenen Gruppen genutzt, darunter die „Leinebären“, der „Leder- und Fetischclub Leguan e.V.“ sowie die Gruppe „Drag sparks joy“.
Der CheckPoint untenrum hat eine kleine Bühne für kulturelle Veranstaltungen: es gab schon mehrfach Konzerte mit lokalen Künstler*innen, z.B. zum CSD mit „Vojtech“, bekannt aus „The Voice of Germany. DragQueen Robyn Foster moderiert inzwischen regelmäßig die „Offene Bühne“, auf der jede*r sein Talent zeigen kann. Unser hauseigener Krimi-Autor Elias Mateo liest aus den inzwischen zwei veröffentlichten Fällen des schwulen Kriminalhauptkommissars Alvarez und die Gruppe Q-world lädt ein zur Arabian und Latin Dance Night. Der aktuelle Veranstaltungskalender ist zu finden auf http://checkpointhannover.de und über Social-Media.
Zielgruppen und Herausforderungen
Die Offenen Abende ebenso wie die Themenabende und die kulturellen Angebote sind prinzipiell immer offen für alle, werden jedoch insbesondere von M*SM* genutzt. Inzwischen gibt es viele Stammgäste. Darunter befinden sich auch viele Migrant*innen aus der Q-World-Gruppe und darüber hinaus. Ihnen und anderen bedürftigen Personen erleichtern wir den Besuch durch Rabatte und Getränkegutscheine. Spannend für uns ist auch, dass sich bei uns auch auffallend viele transmännliche Personen wohl fühlen.
Dank Projektmitteln der Deutschen AIDS-Stiftung konnte eine Koordinationsstelle eingerichtet werden, die die Organisation und Bewerbung der Angebote unterstützt. Die Mischung aus kulturellen und Freizeitangeboten sowie Informations- und Beratungsangeboten hat sich bewährt: Viele Menschen lernen den CheckPoint Hannover über die hedonistischen Angebote kennen und nutzen anschließend auch die anderen Dienstleistungen.
Fazit
Die letzten zwei Jahre waren für die Hannöversche Aidshilfe e.V. arbeitsreich und intensiv, doch die Mühen haben sich ausgezahlt. Der CheckPoint Hannover ist wieder ein zentraler Ort für die queere Szene und bietet eine gelungene Kombination aus Gemeinschaft, Kultur, Beratung und Prävention. Das positive Feedback der Gäste bestätigt den Erfolg des neuen Konzepts.
Wer Interesse hat, ist herzlich eingeladen, den CheckPoint Hannover bei einem „Offenen Abend“ oder einer Veranstaltung kennenzulernen!
Jürgen Maaß
Das Gesundheits- und Begegnungszentrum „CheckPoint untenrum“ ist ein Projekt der hannöverschen Aidshilfe und wurde am 01.12.2023 eröffnet.
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