EU-Projekt zu ChemSex gestartet

Foto: birdys / photocase.de

E-Learning-Modul zu ChemSex für Fachkräfte: die zweite Phase des Projekts “Learn Addiction”

ChemSex in der Beratungsarbeit

In der Beratungsarbeit stoßen wir früher oder später auf Schnittmengen unterschiedlicher Themenkomplexe und Problemlagen. Diese können sich gegenseitig bedingen und/oder miteinander interagieren. Schnittmengenthemen benötigen in der Regel einer umfassenden Auseinandersetzung und eines klient*innenzentrierten Ansatzes, um die vielfältigen Ausprägungen der lebensweltlichen sowie spezifischen Aspekte erfassen und berücksichtigten zu können.

Was gerade noch ganz abstrakt und theoretisch klingt, wird beim Thema ChemSex schnell deutlich. ChemSex ist eine Form von sexualisiertem Substanzkonsum. Hier haben wir es insbesondere mit den Themenbereichen Substanzkonsum, Sexualität, Identität, Zugehörigkeit, Minderheitenstress zu tun, die in der Arbeit mit ChemSex-praktizierenden Männern* zu berücksichtigen sind. Konkret handelt es sich bei ChemSex um ein zeitgenössisches Phänomen globaler schwuler und anderer MSM*-Subkulturen, bei dem für den Sex psychoaktive Substanzen (Chems) konsumiert werden. Wenn von Chems gesprochen wird, handelt es sich meistens um Tina (Methamphetamin, Crystal), G (GHB, GBL), Cathinone (z.B. Mephedrone, 4MMC, 3MMC ChemSex) und K (Ketamin, Special K). ChemSex-Praktizierende zählen teilweise auch noch andere Substanzen hinzu – diesbezüglich herscht aber keine Eindeutigkeit.

Bei allem Spaß, den ChemSex mit sich bringen kann, kann sich auch ein problematischer Konsum bzw. ein problematisches ChemSex-Verhalten einstellen. In den letzten Jahren berichten Beratungsstellen von einer Zunahme von Hilfesuchenden, die mit ihrem ChemSex bzw. ihrem Alltag nicht mehr gut zurechtkommen. In der Hilfelandschaft gab und gibt es eine Ratlosigkeit, wie mit diesen Hilfesuchenden umgegangen werden kann und wie dem Themenkomplex ChemSex begegnet werden sollte. Deshalb haben sich in den letzten Jahren regionale und auch bundesweite Netzwerke gegründet, die sich dieses Schnittmengenthemas angenommen haben und versuchen, die schmerzliche Lücke im Hilfesystem zu schließen.

Auch auf europäischer Ebene besteht der Bedarf einer Auseinandersetzung. Dies belegt die im Jahr 2021 europaweit durchgeführte Umfrage der Projektpartner*innen von „Learn Addiction“ bezüglich weiterer Fortbildungsbedarfe für Fachleute aus dem Suchtbereich. Der Bedarf nach einer intensiveren Auseinandersetzung mit ChemSex wurde darin klar benannt. An der Umfrage nahmen 727 Fachleute aus 24 Ländern teil – von denen 48 % eine Schulung zum Thema ChemSex wünschten. Dieses Wunsches nimmt sich das Projekt „Learn Addiction“ nun in der zweiten Phase an.

Das Projekt „Learn Addiction“

In der erste Phase des Projekts „Learn Addiction“ (November 2019 bis Oktober 2021) wurde die erste offene und mehrsprachige (Englisch, Spanisch, Slowenisch, Rumänisch, Portugiesisch, Tschechisch und Französisch) E-Learning-Plattform für Suchtfachleute entwickelt. Diese umfasst bereits vier E-Learning-Module: Verhaltenssüchte, Süchte bei jungen Menschen, genderspezifische Aspekte von Sucht sowie die europäischen Qualitätsstandards für die Drogenprävention. In dieser zweiten Phase des Projekts “Learn Addiction” (Februar 2022 bis Januar 2024) werden die sechs teilnehmenden Organisationen ein neues E-Learning-Modul zum Thema ChemSex entwickeln und die Plattform somit weiter ausbauen.

Diese zweite Phase des Projekts “Learn Addiction” ist eine Initiative der UNAD (des spanischen Netzwerks der Suchtorganisationen) in Zusammenarbeit mit: UTRIP (Slowenien), DIANOVA (Portugal), SANANIM (Tschechische Republik) und DAH (Deutschland).

Die Projeketpartner*innen von „Learn Addiction“ trafen sich am 28. und 29. April 2022 zum Auftaktworkshop in Madrid. Während des Treffens in Madrid legten die sechs Partnerorganisationen die Leitlinien für die Entwicklung dieses neuen E-Learning-Moduls zu ChemSex fest.

Und so geht´s weiter …

Sobald die erste Entwicklung des E-Learning-Moduls abgeschlossen ist, werden die Projektpartner*innen es mit Fachpersonen aus dem Beratungsbereich in der gesamten EU erproben. In dieser Testphase soll bewertet werden, wie effektiv die Lernziele vermittelt werden können. Auf der Grundlage der Testergebnisse werden die Projektpartner*innen die notwendigen Verbesserungen vornehmen, bevor das neue E-Learning-Modul zu ChemSex unter einer Creative-Commons-Lizenz im Dezember 2023 in sieben Sprachen (Englisch, Spanisch, Slowenisch, Portugiesisch, Niederländisch, Deutsch und Tschechisch) veröffentlicht wird. So kann jeder das Modul frei verwenden, verändern und weiter ausbauen.

weitere Infos

Unter www.learnaddiction.eu können bereits die Ergebnisse der ersten Phase angeschaut und die Online-Module ausprobiert werden.

Weitere Informationen zum Projekt “Learn Addiction”  gibt  es auf nachfrage bei:  info@learnaddiction.eu oder urs.gamsavar@dah.aidshilfe.de gewendet werden.

Twitter: @AddictionLearn

Facebook: @LearnAddictionProject