„Beratung von Mensch zu Mensch und ohne moralischen Zeigefinger“

Seit mittlerweile 20 Jahren bietet die Onlineberatung kompetente Hilfe und Informationen rund um HIV und STIs – und gilt mehr denn je als vertrauenswürdige Anlaufstelle, wenn es um sexuelle Gesundheit geht. 

Ob das tatsächlich funktionieren und vielleicht sogar eine Zukunft haben würde? Wirklich sicher war man sich damals keineswegs. Auch innerhalb der Deutschen Aidshilfe gab es –durchaus nachvollziehbar – Skepsis. Denn Beratung zu Fragen rund um HIV und andere sexuelle Krankheiten war bis dahin eine Sache des direkten Kontakts zwischen Ratsuchenden und Ratgebenden; wenn nicht von Angesicht zu Angesicht, dann zumindest am Telefon. Doch komplett anonym, virtuell und via Chat beziehungsweise Mail-Nachrichten? Würde das, wie erhofft, manchen Menschen die Kontaktaufnahme erleichtern oder sich die ganze Sache als Fehlschuss erweisen?

Als vor nunmehr 20 Jahren mit  www.aidshilfe-beratung.de ans Netz ging, betrat die DAH damit tatsächlich Neuland und leistete Pionierarbeit. Mit der Onlineberatung hatte man ein niedrigschwelliges Beratungsangebot entwickelt, bei dem Ratsuchende faktisch rund um die Uhr und 365 Tage im Jahr Kontakt aufnehmen können – unter Wahrung absoluter Anonymität. Bereits bei der Konzeption war allen Beteiligten klar, dass bei diesem Projekt der Datenschutz zentrale Bedeutung eingeräumt werden muss, und, dass es nur als gemeinsame Kraftanstrengung der Mitgliedsorganisationen und mit einem bundesweiten Netzwerk von Berater*innen zu stemmen sein wird.

Im engen Verbund und ständigen Austausch ist es tatsächlich gelungen, das Beratungsangebot über all die Jahre aufrechtzuerhalten und kontinuierlich weiterzuentwickeln. Rund 70.000 Beratungen wurden über die Jahre durchgeführt, etwa 5000 davon in Einzelchats, die zusätzlich zur Beratung via E-Mail seit 2018 angeboten werden.

Die überwiegende Mehrheit der Ratsuchenden versteht sich als heterosexuell, aber auch Homo- und Bisexuelle (40 Prozent) werden über das Angebot gut erreicht.  Dreiviertel der Anfragen kommen von Männern. Ihnen fällt es in der Regel schwerer, Beratungsstellen aufzusuchen, die anonyme Onlineberatung ist daher eine ideale Alternative. Diese Zusammensetzung hat sich seit den Anfangsjahren nur wenig verändert – ebenso wie die am häufigsten gestellten Fragen.

Die meisten Anfragen beziehen sich nach wie vor auf Übertragungswege von HIV und den HIV-Test; diese Themen spielen in etwa der Hälfte aller Beratungen eine Rolle. „Die Ratsuchenden möchten wissen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sie sich in einer bestimmten Situation mit HIV angesteckt haben könnten“, erklärt Onlineberater Luca. Häufig seien die Menschen bereits gut informiert, möchten sich aber durch eine fachkundige Stelle noch einmal absichern. „Immer wieder haben wir es aber auch mit sehr irrationalen Ängsten zu tun.“

Zugenommen haben in den letzten Jahren hingegen sozialrechtliche Fragen rund um HIV – beispielsweise von Menschen ohne Krankenversicherung, Geflüchteten oder Studierenden aus dem Ausland, die erfahren möchten, ob und wie sie Zugang zu einer HIV-Behandlung oder Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP) erhalten können.

Durch seine hauptamtliche Tätigkeit hatte Luca die notwendigen DAH-Grundlagenschulungen zu Beratung und Basiswissen ohnehin schon absolviert und konnte nach einer Hospitanz schnell in eines der Tagesteams wechseln. Seit vielen Jahren beantwortet Luca nun mit Kolleg*innen, die quer durch die Republik verteilt sitzen, jeweils freitags die eingegangenen E-Mails. Wenn man sich bei der Formulierung einer Antwort unsicher ist, lässt man Kolleg*innen vorab drüberlesen. Selbst wenn dieser Kontakt vor allem digital erfolgt, ist über die Jahre doch ein enger und vertrauter Austausch entstanden. Denn die Fluktuation innerhalb des Teams ist gering. So profitieren Ratsuchende auch von der langjährigen Erfahrung der Berater*innen. Das spricht nicht nur für das gute Arbeitsklima, sondern schafft Verbundenheit untereinander. Die jährlichen Fortbildungen fühlen sich deshalb fast wie Klassentreffen an, sagt Luca.

Die Treffen ermöglichen aktuell 26 Berater*innen aus 21 Mitgliedsorganisationen, sich ganz analog und über ein Wochenende hinweg über die Erfahrungen aus dem Beratungsalltag auszutauschen. Vor allem aber gilt es, das Wissen zu den verschiedenen Aspekten rund um STIs und HIV aufzufrischen – sei es über neue Behandlungsmöglichkeiten etwa bei Syphilis, Hepatitis, Tripper und Chlamydien oder über neue HIV-Schutzmöglichkeiten wie die PrEP. In den zurückliegenden Jahrzehnten sind auch immer wieder neue Themen hinzugekommen: HPV und Herpes sind durch die Ratsuchenden stärker in den Fokus gerückt, und mit Mpox sorgte quasi über Nacht eine neue STI für Verunsicherung und entsprechend viele Fragen.

Bei den Fortbildungen geht es jedoch nicht allein um theoretische Wissensvermittlung, wie Werner Bock betont, sondern auch um die Frage, was Schutz durch Therapie oder PrEP für die Menschen konkret bedeutet. „Wir haben etwa ein diskordantes Paar eingeladen, das von seinen Erfahrungen berichtet“, erläutert der fachliche Leiter der Telefon- und Onlineberatung. „Sie haben geschildert, wie es für sie ist, jetzt plötzlich Sex ohne Kondom haben zu können, oder was es für den HIV-positiven Partner bedeutet, keine Angst mehr zu haben, dass sich sein Freund anstecken könnte.“

Noch bevor PrEP in Deutschland Kassenleistung wurde und damit breiter eingesetzt werden konnte, berichtete ein PrEP-Aktivist den Berater*innen, wie die PrEP ihm die Angst vor Ansteckung genommen und Sex wieder entspannter gemacht habe. „Diese Treffen waren immer auch wichtig, um sich fundiert mit neuen Themen auseinanderzusetzen und eine Haltung dazu zu entwickeln“, erklärt Werner Bock.

Zugleich werden in den Fortbildungen regelmäßig Anregungen aus dem Team aufgegriffen – sei es zum Gebrauch gendersensibler Sprache oder zum kompetenten Umgang mit Fragen zu sexuellen Grenzüberschreitungen.

All das trägt dazu bei, dass Ratsuchende über all die Jahre hinweg fachlich kompetente, aber auch einfühlsame Antworten erhalten können. Oder, um es mit den Worten von Werner Bock zu sagen: „Beratung von Mensch zu Mensch, auf Augenhöhe und ohne moralischen Zeigefinger.“ Dass dies geschätzt wird, zeigen die konstanten Nutzer*innenzahlen.

Viele Menschen sind froh, dass sie ihre Fragen zur Sexualität zumindest für eine erste Einschätzung anonym stellen können. „Manche schreiben in ihren E-Mails ganz ausdrücklich, dass sie sich damit nicht an Ärztinnen oder Ärzte wenden wollen, weil ihnen das Thema unangenehm ist“, weiß Luca aus Erfahrung. Dass sie sich dann an die Onlineberatung der DAH wenden, liegt nicht nur daran, dass man beim Googeln schnell auf das Angebot stößt. „Die Aidshilfe hat als Beratungs- und Anlaufstelle einfach ein gutes Standing“, ist sich Luca sicher. „Die Menschen vertrauen der Institution und ihrer Expertise.“

ChatGPT und Co. werden ein solches Beratungsangebot deshalb so schnell nicht überflüssig machen. „Auch wenn KI scheinbar gute Antworten in Sekunden auf alle Fragen des Lebens zu haben meint, sind wir überzeugt, dass sie unsere individuelle Beratung mit Herz und Kompetenz nicht ersetzen kann – und dass wir mit unserer Onlineberatung auch in den nächsten Jahren gebraucht werden“, sagt Werner Bock. Die Beratungs-Homepage wurde deshalb komplett überarbeitet und wird rechtzeitig zum Welt-Aids-Tag online gehen: www.aidshilfe-beratung.de

Axel Schock